Psyche und Homöopathie

Psychologisch unterstützte Homöopathie
Homöopathisch unterstützte Psychologie

Autoaggression bei einem 7jährigen Mädchen

 

Erstanamnese:

Die Mutter von Vanessa arbeitet seit 2 Jahren wieder. Seitdem hat Vanessa angefangen, sich zu beissen und zu kratzen, wenn sie Konflikte nicht bewältigen konnte. Sie sagt zur Mutter: “Das kannst du mir nicht verbieten!“

Sie behauptet, dass sie das Kratzen und Beissen nicht spürt und dass es ihr nicht weh tut. Wenn es ganz schlimm ist, sagt sie auch, sie wolle nicht mehr leben! Sie zerreisst sogar ihre schönsten Bilder.

Ihr Selbstwertgefühl ist miserabel. Sie sagt von sich, sie sei blöd und schlecht. Und es geht ihr besser, wenn sie sich selbst bestraft, z.B. indem sie sich selbst sagt, sie dürfe nicht essen.

Sonst ist sie ein sehr nettes und angenehmes Kind, gefühlsbetont mit einer grossen Bandbreit von Hochs und Tiefs. Die Lehrerin in der Schule ist begeistert von ihr: sie sei sozial sehr kompetent, sei ein echter Sonnenschein, schaut auf die Regeln und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie ist phantasievoll, bastelt und malt gern, liebt Tiere und hat auch guten Kontakt zu anderen Kindern.

Zuhause braucht sie viele Rituale, z.B. müssen alle ihre Stofftiere in einer ganz bestimmten Reihenfolge an einem ganz bestimmten Ort sein, sonst kann sie nicht einschlafen. Sie besteht auch darauf, dass die Mutter, wenn sie ein Buch vorliest, auf einem bestimmten Platz auf dem Sofa sitzt, gibt die exakte Haltung der Mutter vor und begibt sich selbst in die immer gleiche Stellung, bevor das Vorlesen beginnen kann. Jede Veränderung in ihrer Umgebung ist für sie eine Katastrophe.

 

Die Mutter ist sehr streng und Vanessa ist auch zuhause sehr folgsam und hält sich an Regeln – im Gegensatz zu ihrer kleinen Schwester.

 

Als ich nach der Schwangerschaft und Geburt von Vanessa frage, erzählt die Mutter, dass Vanessa mit der Schulter im Geburtskanal hängengeblieben ist und mit Gewalt geholt werden musste, um sie zu retten.

 

Vanessa gebe ich Aconitum C10000 wegen des Geburtsschocks.

 

Gespräch mit der Mutter ohne Vanessa – einige Tage später:

Meine Vermutung ist, dass durch den Geburtsschock und die akute Lebensgefahr bei Vanessa eine grosse Unsicherheit und dadurch Angst vor jeder Veränderung entstanden ist, ja sogar Angst vor dem Leben. Sie ist durch die Strenge ihrer Mutter sehr eingeschüchtert und bemüht sich extrem, alles Recht zu machen, was ihr natürlich nicht gelingt. Ihre eigene verzweifelte Lösungsstrategie ist, sich selbst zu bestrafen, weil sie einfach nicht so ist, wie sie sein sollte.

Was Vanessa braucht ist Bestätigung, Sicherheit und Vertrauen in sich selbst.

 

Diese Überlegungen bespreche ich mit Vanessas Mutter. Ausserdem gebe ich den Sorgen und Ängsten um Vanessa viel Raum in diesem Gespräch. Die Mutter hat ein schlechtes Gewissen, weil sie wieder arbeitet und sie hat das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben bei Vanessa. Wenn sie aber darauf schaut, was sie jetzt anders machen könnte, z.B. etwas weniger streng zu sein und nicht so hohe Erwartungen an Vanessa zu stellen, gewinnt sie wieder Mut. Ausserdem ist sie mit mir einer Meinung, dass es besser ist, dem Kratzen und Beissen nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken und vielleicht gelingt es ihr, einfach nichts dazu zu sagen.

Was die Rituale angeht, besprechen wir, dass die Mutter sie erst mal akzeptiert (was ihr nicht ganz leicht fällt), aber eine Ausweitung verweigert. Erst nach und nach, wenn es Vanessa wirklich besser geht, kann das eine oder andere Ritual vorsichtig verändert werden.

 

4 Wochen später:

Vanessa hat weniger Angst und auch weniger Albträume.

Sie hat sich bisher nur noch 1 mal gebissen, weil sie das Essen nicht mochte.

Ganz schwierig war allerdings ihr Geburtstag. Sie wollte nicht, dass ein Geburtstagslied für sie gesungen wird, weil sie eine “Scheiss-Vanessa“ sei. Sie wollte auch mit den anderen Kindern nicht spielen.

Trotzdem hat die Mutter (und auch ich) das Gefühl, dass Vanessa auf einem guten Weg ist. Deshalb warte ich erst mal noch ab und gebe kein Mittel.

 

3 Wochen später:

Vanessa sammelt alles, kann nichts hergeben und nichts loslassen. Weiterhin erscheinen ihr alle Veränderungen bedrohlich. Aber die Selbstbestrafungen haben aufgehört und auch sonst ist Vanessa fröhlich und gut drauf – auch mutiger!

Ich bespreche mit der Mutter, wie Marie ihre Kreativität nutzen könnte, z.B. könnte sie sich mit Ernsthaftigkeit und vielleicht sogar Dramatik von Dingen verabschieden. Sie spielt nämlich sehr gern Rollenspiele.

 

Aufgrund ihrer Angst vor Veränderung und der Unmöglichkeit, etwas wegzuwerfen – und auch, weil sie eine ausgeprägte Tendenz zu Zwangshandlungen hat, gebe ich Vanessa

 

Arsenicum album C10000

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Ich verabrede mit der Mutter, dass sie wieder anruft, wenn es Vanessa nicht mehr gut geht.

Erst sechs Monate später höre ich von ihr, dass sich Vanessa weiterhin gut entwickelt und auch die Rituale nicht mehr ganz so wichtig sind.